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Fr 25.09.
15:00

Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet Bill Morrison mit Archivmaterial und gefundenen Bewegtbildern und bringt dabei Material, das in der Filmgeschichte in Vergessenheit geraten, beschädigt oder übersehen wurde, in neue Konstellationen. Seine Filme setzen sich ebenso sehr mit der Materialität des Films auseinander wie mit den Geschichten und Erinnerungen, die die Bilder selbst in sich tragen.

Unser Partnerfestival in Nigeria ist nach Morrisons wohl bekanntestem Film Decasia (2002) benannt, dessen Titel eine Kombination aus den Wörtern „decay“ (Verfall) und „fantasy“ (Fantasie) ist: Das von Didi Cheeka kuratierte Archiv-Filmfestival Decasia findet alle zwei Jahre in Lagos statt, alternierend mit Archival Assembly.

Morrison‘s für den Oscar nominierter Film INCIDENT (2023) nutzt gefundene Bilder der jüngeren Geschichte. Ausschließlich anhand von Aufnahmen von Polizei- und Überwachungskameras rekonstruiert der Film die Erschießung von Harith Augustus durch die Polizei in Chicago im Jahr 2018 aus mehreren synchronisierten Perspektiven. Was zunächst als Dokumentation eines einzelnen Ereignisses erscheint, wird zu einer Reflexion über Beweismittel, Blickwinkel und die Art und Weise, wie Bilder so gestaltet werden, dass sie eine Erzählung erzeugen.

In seinem neuen Film SAWYER AVENUE, SUNDAY AFTERNOON (2026) nutzt Morrison Aufnahmen von Handys und Körperkameras, um den Kampf eines Stadtviertels gegen Straffreiheit für Beamte der US-Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) nachzuzeichnen und zu untersuchen. Am 12. Oktober 2025 nahmen maskierte und nicht identifizierte ICE-Mitarbeiter einen Mann ohne Durchsuchungsbefehl in einer Wohngegend in Chicago fest.

In seiner Masterclass wird Bill Morrison anhand der gezeigten Filme darüber sprechen, wie sich die Arbeit mit gefundenem Material im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Ging es einmal darum, in der Ästhetik des Verfalls Neues zu entdecken, so dienen die inzwischen allgegenwärtigen Bilder als Beweismaterial im Kampf gegen eine Regierung, die Macht und Gewalt gegen ihre Bürger*innen ausübt. Nicht mehr der Zerfall der Bilder steht im Mittelpunkt, sondern die Zerstörung der Welt, aus der sie kommen. Die Rettung der Bilder wird zu einem Akt des Widerstands.

Bill Morrison ist Filmemacher und vor allem für drei Filme bekannt: Decasia (64 Min., 2002), der als erster Film des 21. Jahrhunderts in das National Film Registry der Library of Congress aufgenommen wurde, Dawson City: Frozen Time (120 Min., 2016), der bei Rotten Tomatoes eine Kritikerwertung von 100 % hält, und INCIDENT (30 Min., 2023), der 2025 für einen Oscar nominiert wurde. Sein neuester Film, SAWYER AVENUE, SUNDAY AFTERNOON (18 Min., 2026), feierte dieses Jahr bei Visions du Réel 2026 Premiere und ist auf newyorker.com verfügbar.

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